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AUFLÖSUNG ZUM MONATSRÄTSEL JULI 2026

Dieses Rätsel habe ich am 6. Juli 2026 in meinem Garten fotografiert

BLÜTE DER DACH-HAUSWURZ (SEMPERVIVUM TECTORUM)

Alle Bilder dieser Webseite zeigen Hauswurzen aus meinem Garten,
soferne nicht anders angegeben (Hauswurzen aus dem Botanischen Garten Wien und Hauswurzen vom Rudolfshof in Grinzing sowie Reproduktionen aus Fachbüchern aus meiner Bibliothek)

Die Dach-Hauswurz gehört zur Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae) in der Ordnung der Steinbrechartigen (Saxifragales). Der lateinische Name setzt sich aus "semper" (immer) und vivum ("lebend") zusammen, im Sinne von immergrün, sowie "tectorum" (Dächer). Es gibt viele unterschiedliche Arten, deren dicke Blätter Wasser speichern können.

Die Hauswurz wird seit mehr als 2000 Jahren kultiviert. Der griechische Philosoph und Naturforscher Theophrastos von Eresos (* um 371 v. Chr., + um 287 v. Chr.) berichtet bereits von der auf Mauern und Dachziegeln wachsenden Hauswurz. Karl der Große befahl in seiner Landgüterverordnung (Capitulare de villis, Abschnitt LXX): . . . Et ille hortulanus habeat super domum suam Iovis barbam (Und dieser Gärtner habe auf seinem Haus den Jupiterbart anzubringen).

Es gibt unzählige deutsche Namen, von denen viele auf ihre Bedeutung im Volksglauben zurückgehen. Manche leitet man von den Donnergöttern Thor und Jupiter ab, was sich auch in einigen Namen wiederspiegelt. Die geläufigsten Namen sind: Dach-Hauswurz, Hauslauch, Hauslaub, Dachkraut, Dachwurz, Donarsbart, Donnerkraut, Donnerlauch, Donnerwurz, Donnerbart, Bart des Jupiter (Jupiterbart).
Die Einordnung von Jovibarba wird manchmal als eigene Sektion geführt, ist als eigene Gattung aber nicht allgemein anerkannt.

Sempervivum maius

Jagiellońska Biblioteka Cyfrowa, Krakau
https://jbc.bj.uj.edu.pl/dlibra/publication/236895

Carolus Clusius: Cotyledon altera I. Sedum vulgare
aus: Rariorum plantarum historia. Ex officina Plantiniana apud Ioannem Moretum, Antwerpen 1601

https://www.biodiversitylibrary.org/item/14549#page/439/mode/1up
Missouri Botanical Garden, Peter H. Raven Library

Im Alpengarten beim Botanischen Garten in Wien werden viele Hauswurz-Sorten kultiviert:

   

Manche von ihnen finden sich im freien Gelände des Alpengartens auf niedrigen Steinmauern


Im Alpengarten auf Steinmauern

Im Alpengarten auf Steinmauern

Im Alpengarten auf Steinmauern

Die 1-Euro-Münze erlaubt einen Größenvergleich

Die Hauswurz ist Bestandteil vieler Kräuterbücher, von denen hier zwei hervorgehoben seien. Meist unterscheidet man dort die Große Hauswurz (Sempervivum / Sedum maius), die Kleine Hauswurz (Sempervivum / Sedum minor) und den Mauerpfeffer (Sedum minimum)

Petrus Nylandt: "Neues Medicinalisches Kräuterbuch" (1678), S. 135–136

CAP. VIII.
Haußwurtz / Donderbahr / Maurpfeffer / Sempervivum.

Geschlecht.
Es finden sich dreyerley Arten der Haußwurtz bey uns: nemlich gemeine oder grosse / kleine / oder Blattlose Haußwurtz/ und Maurpfeffer.

Gestalt.
Gemein Haußwurtz hat dicke / safftige / vornen spitzig zulauffende / und rund umbher stehende Blätter / breitet sich in andre mehr dergleichen Versamlungen der Blätter durch die Wurtzel aus: In der Mitte derselben erhebet sich bißweilen ein hoher Stengel / mit gleichmässigen Blättern umbgeben / an dessen Ober-Theil andre Nebenzweige hervorwachsen / mit purpurfarben Blumen gezieret. Die Wurtzel ist gantz Zasicht.
kleine Haußwurtz wirfft viel zarte dünne Stengeln / die ohngefehr einer Spannen hoch emporschiessen / und mit kleinen / länglichten / schmalen / vornen stumpffen / dicken und vollsaftigen Blättlein bewachsen. Auff den Gipffeln der Stengel erzeigen sich kleine weisse Blümlein; die Stengel und Blätter sind ins gemein etwas röhtlich. Die Wurtzel spreitet sich langs der Erden aus / und ist mit kleinen Zasern in der Erden befestigt.

Maurpfeffer hat kürtz und dünnere Stengel als vorermelte Gattung / ist auch mit viel kleinern / sehr scharff schmeckenden Blättlein bewachsen. Oben trägt es kleine gelbe Blümlein. Die Wurtzel ist Zasicht.

Ort.
Alle diese Kräuter werden an altem Gemäur / und auff den Tächern der Häuser gefunden: Kleine Haußwurtz wächst auch wohl an den Seen und offenen Gegenden.

Zeit.
Alle oben gesetzte Arten grünen das gantze Jahr hindurch / allein die Blumen tragen sie in den Sommer-Monate.

Complexion und Eigenschafft.
Die erste und andre Gattung ist kalt im dritten Grad / machet dick / und zeucht mässiglich zusammen. Dodonaeus.

Eigenschafft.
Maurpfeffer ist sehr scharff / dabey sehr hitzig und trucken / auswendig macht der die Haut roht und voller Blasen. Joh. Schroderus.

Artzney-Gebrauch.

Vor roht trieffende Augen / Entzündung und hitzige Blattern.
Nim gemein Haußwurtz Safft / streiche es offt auff die Augen / oder legs mit einem Tüchlein drauff. Galenus. Dioscorides. Plinius.

Vor Seitenwehe / so aus Hitz entstanden.
Nim groß Haupwurtz-Blätter / so viel nöhtig / zerstosse sie / und vermenge es mit Gersten-Mehl / und schlags drüber. Dodonaeus.

Vor hitzig Fieber.
Nim groß Haußwurtz-Safft zwey Loht / Carduibenedicti-Wasser 4. Loth / weissen Zucker 2. quintl. mische es durcheinander / und thue zum offtern einen Löffelvol davon einnehmen.

 

Vor grosse Hauptwehe in Fiebern.
Nim groß Haußwurtz-Safft 4. Loht / Rosenöhl 2. Loht / Rosen-Essig ein Loht / mische es zusammen / und schlage es mit Tüchern auf die Stirne.

Vor Kropff-geschwere.
Nim Maurpfeffer / so viel nohtig / zerstosse es / thue Schweinschmaltz dazu / und legs drauff. Dioscorides.

Vor Entzündung der Leber.
Nim Haußwurtz-Safft mit Essig / und legs mit Tüchern über. P. Crescentius.

Vor Brandt.
Mache eine Salbe von Haußwurtz Safft / thue dazu Rosen-Oel und etwas Wachs / damit salbe den Schaden. P. Crescentius.

Vor Nasenbluten.
Nim des Saffts so viel nöthig / binde es mit Tüchern vor die Stirne / Schläffe und Nacken. P. Crescentius.

Die schleimige Pflegmatische Feuchtigkeit durch Erbrechen abzuführen.
Nim Maurpfeffer-Safft 2. quintl. gibs mit einem bequemen Vehiculo ein. Ravelingius.

Vor den Schorbuck.
Nim Maurpfeffer eine Handvoll / koche es in einer halben Maaß süsser Milch/ lasse ein drittheil davon einsieden / gib dem Patienten des Morgens nüchtern ein Gläßlein voll zu trincken. Fuchsius.

Curioser Botanicus, oder Sonderbahres Kräuterbuch . . . (Dresden-Leipzig 1730, S.  775–779)

Sedum maj. Haußwurtz.

I. Nahmen
Haußwurtz, Haußlaub, Donnerbart, Mauerpfeffer, Sedum & Sempervivum majus
Off. vulg. Barba Jovis, Aizon maj.

2. Gestalt.
Bekommt viel dicke, safftige, vornen zugespitzte, immergrünende Blätter so in einem Zirckel je eines auf dem andern liegende auf der Erden ausgebreitet sind. Zwischen diesen erhebt sich der Stengel

Stengel, welcher mittelmässig dick, eines Fusses hoch, und durchaus mit gleichmässigen, jedoch spitzigern Blättern, als mit Schuppen, umgeben ist. Auf dessen Gipffeln wachsen auff besondern Stielen, in einer langen Reyhe, die purpurfarben Blümlein. Die zasichte Wurtzel aber breitet sich in andere mehr, dergleichen in einen Zirckel zusammen gedrungene Blätter aus.

3. Ort.
Wächst auff den alten Mauern, und Dächern der Häuser.

4. Zeit.
Grünet Sommer und Winter: blühet im Julio.

5. Theile, Natur, Zubereitung und Nutz.
Die Blätter sind kalt und trocken im 2. Gr. (kalt im 3. Gr. oder feucht,) dienen euserlich vor die Warzen Uberbeine, Kröpffe, (mit Schaaffsfett auffgebunden,) Halsgeschwär, (in Mundwassern), Entzündungen der Augen (den Safft eingetröpffelt,) Seitenstechen, (mit Gersten-Meel übergelegt,) Raserey in hitzigen Fiebern, (mit Weiber-Milch vermischt auf die Stirne gebunden,) Entzündung der Leber (mit Eßig umgeschlagen, Scorbutische Mundfäule, (den Safft aufgerieben,) Gliederweh, überflüßige Milch in Brüsten und gegen die Trunckenheit, (den Safft mit Eßig und Salpeter auf das Gemächte geschmieret.)     Das aus den Blättern gebrandte Wasser, der daraus gepreste Safft, und der Sirup davon, sind gut vor die bösen hitzigen und gallichten Fieber, Febrilische Hitze, Entzündung des Halses und der Zungen, Blutflüsse, und Gülden-Aderfluß.

Kleine Hauswurz und Mauerpfeffer

Hauswurz vom Rudolfshof in Grinzing, zahlreiche Ausläufer mt Blüten

Blühende Hauswurz vom Rudolfshof in Grinzing

Barocker Brunnen vom Rudolfshof in Grinzing mit einer Madonnenstatue
(Anfang 20. Jahrhundert)

Hauswurz am Fuß der Säule des Brunnens vom Rudolfshof in Grinzing

Hauswurzen vom Rudolfshof in Grinzing

Hauswurzen vom Rudolfshof in Grinzing, in der Mitte die Fehlstelle, wo früher die Rosette der blühenden Hauswurz stand

Die Rosette der Hauswurz, die verschiedenfarbig und verschiedengestaltig sein kann, ist von perfekter Symmetrie. Ihrer Mitte entspringt der Trieb, der Ausleger mit Blüten trägt. Die Mittelrosette stirbt am Ende der Blütezeit ab.

Verdorrter Stengel mit Blüten-Ausläufern und den Resten der Mittelrosette

   

Diese Hauswurz habe ich im Knospenstadium in einem Wiener Supermarkt erworben, sie ist bei mir aufgeblüht, hat sich vielblütig graziös geneigt; die Mittelrosette zeigt schon Ansätze des Absterbens. Bald wird das Gewicht der Blütenkrone die Pflanze zu Boden drücken

Anfangs war die Vielzahl der kleinen Blüten nicht absehbar;
ihre Schönheit wird im Detail sichtbar

Ausführlich wird in den Publikationen von Hegi und Schlechtendal-Hallier auf die Hauswurz eingegangen:

Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mittel-Europa mit besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Oesterreich und der Schweiz, München, ab 1906,
Band 4/2, Taf. 141, Textauszüge von S.
543, 544, 547, 548, S. 552, 559

Hegi 4/2, Fig. 926

Hegi 4/2, Fig. 931

Sempervivum tectorum L. (Dach-Hauswurz)

Reproduktion aus: Schlechtendal-Langethal-Schenk: Flora von Deutschland,
5. Auflage (verbessert von Hallier),
                    Gera-Unternhaus, 30 Bände 1880-1887, 26. Band, Tafel 2653, Text S.
57–59

   

   

Schlechtendal-Hallier, Sempervivum Wulfeni Hoppe / Kugel-Hauswurz
und Sempervivum Funki Braun / Funk's Hauswurz

   

Schlechtendal-Hallier, Sempervivum montanum / Berg-Donnerbart
und Sempervivum Brauni Funk /Braun's Hauswurz

   

Schlechtendal-Hallier, Sempervivum arachnoideum / Spinnen-Hauswurz
und Sempervivum hirtum / Rauhblättrige Hauswurz

   

Schlechtendal-Hallier, Sempervivum soboliferum / Sprossende Hauswurz
und Sempervivum arenarium / Sand-Donnerbart

Diese Abbildung ist nahezu identisch mit jener bei Schlechtendal–Hallier (s. oben)

Sempervivum tectorum / Dach-Hauslauch und
Sempervivum arenarium / Sand-Hauslauch

Otto Wilhelm Thomé: Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz in Wort und Bild
für Schule und Haus, 4 Bände (Gera 1886–1889), Band III, Taf. 350, Text S. 84, 85

Die Rosetten der Hauswurz zeigen viele Form- und Farbvarianten,
wie nachstehend in charakteristischen Beispielen wiedergegeben

Detail der Dach-Hauswurz bei Schlechtendal-Hallier, s. weiter oben

Es lohnt sich, die Hauswurz-Rosetten näher zu betrachten: erst dann offenbart
sich ihre Zartheit und Farbenpracht sowie die Perfektion ihrer Symmetrie


Fotos und Scans: Copyright Dr. Waltraud Neuwirth, Wien

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